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Oberstufe Klasse 9-13

Zu den pädagogischen Zielsetzungen der Oberstufe

Die Leitmotive für die Oberstufenschüler der Waldorfschule sind vielfältig und werden im allgemeinen von der Entwicklungsphase der Pubertät gekennzeichnet, welche die somatische und die psychische Entwicklung umfasst, von Rudolf Steiner treffend als Erdenreife benannt. Für etwas reif werden bedeutet, dass neue Kräfte verfügbar werden, dass die Beziehungen zwischen Individualität und Umgebung neu gestaltet und der eigene Standpunkt gefunden werden will. Diesen Vorgang unterstützt die Waldorfpädagogik.

Vorrangig ist dabei die einzelne jugendliche Individualität selbst. Hier gibt es naturgemäß keine Normdefinition, denn Ziel der Waldorfpädagogik ist es, dass die heranwachsende Individualität die eigenen Fähigkeiten entdecken, anwenden, erweitern und momentane Grenzen erleben kann, um sie zu überwinden. Schule dient in diesem Lebensabschnitt primär diesem Leitbild und legt den lebenslänglichen Prozess der Selbstfindung an. Heutzutage spricht man gern vom lebenslänglichen Lernen im Sinne stetiger Kompetenzerweiterung. Das ist eine erfreuliche Tendenz in der Bildungsdiskussion. Sie lässt aber Aspekte der Selbsterkenntnis, der Sinnfrage des - eigenen - Lebens zu kurz kommen, da Kompetenzerwerb meist als aktive Anpassung an sich verändernde Berufsanforderungen definiert wird. Eigene Fähigkeiten zu entfalten bedarf verpflichtenden Selbstschulung. Hier gibt es mannigfaltige Hindernisse, die überwunden werden wollen, sonst blockieren wir unsere weitere Entwicklung.

Auf den Jugendlichen übertragen heißt das:

Die Schule stellt an ihn Anforderungen, auf deren Erfüllung sie besteht - kein laissez-faire.

Auf die Pädagogen übertragen heißt das:

Wie gut kennen wir den Jugendlichen, um die Anforderungen im richtigen Maß zu stellen? – Verantwortung steht hier im Vordergrund.

Oberstufenschüler haben ein Recht, von ihren Lehrerinnen und Lehrern Rückmeldungen über den Stand der Fertigkeiten, Fähigkeiten sowohl bezüglich des Lernerfolges als auch im Sinne des Engagements, der Verantwortungsfähigkeit, des sozialen Umgangs usw. zu erhalten. Das geschieht natürlich, wobei zwischen individuellen Kriterien und den Klassenzielen unterschieden wird. Zusätzlich kommt zum Tragen, dass der Heranwachsende Selbstverantwortung ergreifen muss und dazu die Fähigkeit erlernt, sich selbst realistisch einzuschätzen. Aus Selbst- und Fremdeinschätzung ergibt sich ein Gesamtbild. Praktika und der künstlerisch-fachpraktische Unterricht machen diesen Vorgang leichter einsichtig, denn jeder merkt sofort, ob z.B. eine elektrische Schaltung funktioniert oder nicht, ob ein Hocker seinen Zweck erfüllt usw.

Mit welchen Methoden sind diese pädagogischen Zielsetzungen umzusetzen?

Waldorfschule ist bekanntlich keine Weltanschauungsschule, sondern eine Methodenschule. Sie hat die Anschauung, dass die menschliche Individualität einmalig ist, deswegen schreibt sie ihr nicht vor, wie sie zu sein hat, welche Lebensziele sie sich setzen, mit welchen ethischen oder religiösen Maßstäben sie die Welt und sich selbst beurteilen sollte. Konsequenterweise heißt das für die Unterrichtsfächer, mit den Oberstufenschülern zu erarbeiten, warum ein Fach erlernt und mit welchen Methoden in ihm gearbeitet wird. Der Weg zu bestimmten Ergebnissen ist zentrales Element im Unterricht, denn der Weg menschlicher Erkenntnis bedingt die Resultate: Aus bestimmten Versuchen ergeben sich chemische Formeln oder biologische Erklärungen, aus bestimmten Beobachtungen Gesetze der Sprachen, der Mathematik, der Astronomie oder der Geschichte. Hier sind die Pädagogen Begleiter, die für sich das lebenslängliche Lernen zum eigenen Leitbild gemacht haben.